PROJEKTREPORTAGE

Schwabinger Tor, München

Max Dudler, Berlin/München

Strenger Stadtbaustein

  • Autor: Jochen Paul
  • Fotos: Stefan Müller

Bis Ende 2011 signalisierte der grüne Neon-Schriftzug des Holiday Inn an der Leopoldstraße 194 den von Norden kommenden Autofahrern, dass sie in der Münchner Innenstadt angekommen waren. Mit dem Abriss des legendären Hotels verschwand Anfang 2012 nach über 40 Jahren nicht nur ein landmark, sondern auch das letzte Relikt des ehemaligen „Schwabylon“ aus dem Stadtbild.

Bereits 2007 hatte der Grundstückseigentümer, die Jost Hurler Beteiligungs und Verwaltungs GmbH & Co. KG, auf dem Grundstück des Hotels und des benachbarten „Metro“- Großmarkts einen internationalen städtebaulichen und landschaftsplanerischen Wettbewerb ausgelobt. Das Münchner Büro 03 Architekten und ver.de landschaftsarchitektur aus Freising gewannen: Sie schlugen einen Stadtbaustein aus freistehenden, von einem Netz aus Gassen und abwechselnd zur Leopold- und zur Berliner Straße orientierten Plätzen umgebenen Baukörpern vor. Diese Gassen sollten die heterogene
Struktur um die Münchner Freiheit und den urbanen Raum im Schwabinger Norden verbinden.

Vier der insgesamt neun Häuser des neuen Quartiers konnte Max Dudler 2009 in einem Wettbewerbsverfahren für sich entscheiden: Als erste Realisierung bildet sein Büro- und Wohnhochhaus „N10“ den nördlichen Hochpunkt – und übernimmt ein Stück weit die städtebauliche Funktion des abgerissenen Holiday Inn als einprägsames Stadtzeichen entlang der Leopoldstraße. Das freistehende Turmhaus bezieht seine Präsenz aus der
Reduktion der architektonischen Mittel auf die Reliefwirkung der Fassade aus hellem Travertin: Symmetrisch angeordnete Loggien und tief eingeschnittene, abwechselnd zur rechten oder linken Seite angeschrägte Fensterlaibungen erzeugen ein rhythmisiertes Relief, dessen Gestalt sich mit dem Sonnenstand verändert.


Die Häuser haben neben dem klar formulierten Sockel eine Reihe von typologischen Gemeinsamkeiten. Die Fassade des „S30“ setzt sich mit graugrünem Granit ab.

Die drei weiteren Häuser, das Hochhaus „S10“ und die beiden Sechsgeschosser „S20“ und „S30“, bilden im Süden des Areals ein L-förmig angeordnetes Ensemble. Die Häuser unterscheiden sich in Kubatur und Materialität: Das quaderförmige „S20“ erhielt in den Obergeschossen eine Putzfassade mit steinernen Reliefbändern, „S10“ ist ab dem vierten Obergeschoss zurückgestaffelt und wurde in hellem, leicht ausgewaschenem Betonwerkstein ausgeführt. Neben dem markanten Eingangsbereich und der konsequenten Öffnung der Erdgeschosse zum öffentlichen Raum tragen die Behandlung des Themas „Fensterlaibungen“ und die Plastizität der Fassaden zu einem gemeinsamen Formenkanon bei – und wie alle Häuser mit Ausnahme des von Hilmer Sattler Architekten errichteten Hotels folgen sie derselben vertikalen Nutzungsmischung:
Gastronomie und Gewerbe im überhöhten Erdgeschoss, Büros vom ersten bis zum dritten Obergeschoss, darüber Wohnungen. Insgesamt sind auf dem Areal 209 Mietwohnungen, davon 32 Sozialwohnungen im Süden des Quartiers jeweils direkt über den Bürogeschossen, entstanden.

Trotz ihrer Ensemblewirkung verzichten die Häuser nicht darauf, eigene architektonische Momente zu entwickeln: Während „S10“ aufwärtsstrebt und „S20“ seine Horizontalität betont, ist das Grundthema von „S30“ die hinter einer streng gerasterten Fassade angelegte zweite Haut aus Glas. Für die Außenhaut verwendete Max Dudler einen vier Zentimeter starken, geschliffenen graugrünen Granit. Massiver noch als beim „S20“ betonen die Geschossbänder als strukturgebende Elemente die – trotz der schmalen, geschosshohen stehenden Fenster – liegende Gestalt des Hauses, das sich zum gegenüberliegenden Hotel orientiert.

Blick in die Penthousewohnung des „S30“.

Die Wohnungen im vierten und fünften Obergeschoss des Hauses bilden Buchten aus, die als Loggien dienen: Sie sind eine Referenz Max Dudlers an die Hochhausarchitekten der „Chicago School“ der 1890er/1900er Jahre, die sie ebenfalls gerne verwendeten.

Weitere Besonderheiten sind die im geschlossenen Zustand flächenbündig in die Fensterprofile integrierten Gelenkarmmarkisen im Erdgeschoss. Die „vertikalen“ Kippfenster in den mit Heiz-/Kühldecken ausgestatteten Bürogeschossen erlauben es, sowohl auf Absturzsicherungen als auch auf Lüftungsflügel zu verzichten. In den Obergeschossen übernehmen von Helligkeits- und Windsensoren gesteuerte Jalousien den außenliegenden Sonnenschutz.

Trapezförmig eingeschnittene Loggien prägen die Wohnungsgrundrisse des „S30“.

Der Eingangshalle verleihen ein farblich auf die Fassade abgestimmter
Bodenbelag aus Werkstein, Sockelleisten, Türlaibungen und Wandverkleidungen aus geöltem Eichenholz eine gediegene Atmosphäre. Separate, innen ebenfalls mit Eiche vertäfelte Fahrstühle erschließen die flexibel unterteilbaren Büro- und die Wohngeschosse.

Auch dort herrscht mit Parkett aus gebürsteter, geölter Eiche, Fußbodenheizung, kontrollierter Wohnraumlüftung, hochwertigen Bädern und Küchen ein gehobener Standard. Für die Apartments hat der Münchner Objektausstatter und Bauherrenberater BelForm mit den Architekten für die ins Auge gefassten Zielgruppen drei unterschiedliche Ausstattungsvarianten entwickelt – Pure, Nature und Style – und als Musterwohnungen umgesetzt.

Das Motto „Talente. Teilen. Toleranz“ des Quartiers Schwabinger
Tor hat Max Dudler jedenfalls für sich bereits konkret umgesetzt:
Seine Münchner Niederlassung ist in das „S30“ an die Leopoldstraße
158 gezogen.

Architekten

Max Dudler
Leopoldstraße 158
80804 München
www.maxdudler.de

Max Dudler gründete 1992 das Büro Max Dudler, das heute Niederlassungen in Berlin, Zürich, Frankfurt am Main und München hat. 2004 wurde Dudler als Professor an die Kunstakademie Düsseldorf berufen. Er lehrte ebenfalls an der Università IUAV di Venezia, der Alma Mater Studiorum Università Bologna, dem Politecnico di Milano, der Technischen Universität Dortmund sowie der Technischen Universität München. Seine Arbeit erhielt zahlreiche Auszeichnungen und schafft mit einfachen geometrischen Formen ein harmonisches Ganzes.

Projekte (Auswahl)

2018 Schultheiss Quartier, Berlin

2018 Hessisches Ministerium, Wiesbaden

2018 Bodanareal, Romanshorn (Schweiz)

2018 Backstagegebäude Waldbühne, Berlin

2017 Stadtbibliothek, Heidenheim

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