PORTRÄT UND INTERVIEW

Im Gespräch mit…

Max Dudler, Berlin/München

  • Autor: Jochen Paul
  • Fotos: Sebastian Schels, Stefan Müller, Stefan Rother

Max Dudler wurde im ostschweizerischen Altenrhein am Bodensee geboren und stammt aus einer Steinmetzfamilie in siebter Generation. Nach einer Lehre als Bauzeichner studierte er Architektur an der Amsterdamse Hogeschool voor de Kunsten, an der Städelschule in Frankfurt am Main und in Berlin bei Ludwig Leo, der dort an der Hochschule der Künste die Professur für Bauplanung innehatte. Nach seinem Diplom arbeitete er zunächst im Büro von Oswald Matthias Ungers. Dort war er unter anderem am Messehochhaus und am Wettbewerb für das Kulturforum Berlin beteiligt, bevor er 1986 in Frankfurt am Main eine Bürogemeinschaft mit Karl Dudler und Pete Wellbergen gründete. Seit 1992 leitet Max Dudler sein eigenes Büro, das mittlerweile Niederlassungen in Berlin, Frankfurt am Main, Zürich und München unterhält und rund 100 Mitarbeiter beschäftigt.

PORTRÄT

Das harmonische Ganze in der europäischen Stadt

Max Dudler, Berlin/München

 Seine Architektur sucht mit einfachen geometrischen Formen ein harmonisches Ganzes zu bauen und fokussiert sich auf die grundlegenden Gesetze von Proportion, Maß und Material. Sie versteht sich stets als Teil der europäischen Stadt, in die sie sich selbstbewusst wie zurückhaltend einfügt.

In den über 25 Jahren seines Bestehens hat sich der Fokus der Arbeit seines Büros über die „klassischen“ Architekturaufgaben hinaus auf Verkehrsbauten, Konversionen, denkmalpflegerische Aufgaben und städtebauliche Planungen ebenso wie auf Ausstellungen und Möbelentwürfe erweitert.

Das Münchner Büro von Max Dudler in der Leopoldstraße 158.

Während Max Dudler zu Beginn hauptsächlich in Berlin tätig war, baut das Büro seit der Jahrtausendwende vermehrt auch in Zürich: Dort entstanden Projekte wie die IBM-Headquarters (2003–2005), die Bauten an der Europaallee (2007–2013), das Hochhausensemble Hagenholzstrasse (1999–2013) oder die Sanierung der Sihlpost (2014–2015). Und mit den Wohnquartieren Areal Kaiserstrasse in Rheinfelden (2015–2017) und Bodanareal in Romanshorn (2012–2018) ist Max Dudler ein Vierteljahrhundert nach Bürogründung erstmals auch in der Ostschweiz präsent.

Neben öffentlichen Bauten, Wohn- und Geschäftshäusern nimmt der Bibliotheksbau einen besonderen Stellenwert in seinem Werk ein: Auf die Diözesanbibliothek in Münster (2003–2005) folgten das vielfach prämierte Jacob-und-WilhelmGrimm-Zentrum der Humboldt-Universität Berlin (2006–2009), die Folkwang Bibliothek in Essen (2009–2012) und die Stadtbibliothek Heidenheim. Aktuell arbeitet Max Dudler an der Erweiterung der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg.

Zu einem weiteren Schwerpunkt seiner Arbeit haben sich denkmalpflegerische Eingriffe bei Burgen und Schlössern wie der Umbau und die Erweiterung des Hambacher Schlosses (2005–2018), das Besucherzentrum (2010–2012) und die Sattelkammer (2011–2017) im Schloss Heidelberg oder das Besucherinformationszentrum Sparrenburg (2013–2014) entwickelt.

Der Blick vom Flur in den Konferenzraum des Büros.

Max Dudler lehrte an der Università IUAV di Venezia, der Alma Mater Studiorum Università Bologna, dem Politecnico di Milano, der Technischen Universität Dortmund sowie an der Technischen Universität München. 2004 wurde er zum Professor der Klasse Baukunst an der Kunstakademie Düsseldorf berufen.

Seine Arbeit erhielt zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem
die Nike für die beste städtebauliche Interpretation 2010 für das
Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum, den DAM Preis für Architektur
in Deutschland 2012 und den Deutschen Architekturpreis 2013 für die Arbeiten am Hambacher Schloss sowie den Hugo-Häring-Landespreis 2015 für das Besucherzentrum im Schloss Heidelberg. Zuletzt erhielt Max Dudler 2015 den Architekturpreis NRW für die Folkwang Bibliothek und 2018 den BDA-Preis NRWfür das Besucherinformationszentrum Sparrenburg.

INTERVIEW

Im Gespräch mit …

Welchen Stellenwert hat München für das Büro Max Dudler?

München hat mit seinen repräsentativen Straßen eine unglaubliche stadträumliche und städtebauliche Qualität. Ich komme hier seit über 40 Jahren her, und für mich ist München die „nördlichste italienische Stadt“. Es gefällt mir, ich mag Mailand, die Städte Norditaliens und überhaupt die Strukturen der europäischen Stadt. Wobei: Innerhalb unseres Büros unterscheiden sich die einzelnen Standorte eigentlich nicht – wir haben überall sehr gute Mitarbeiter, und mir ist es wichtig, jeden davon ernst zu nehmen.

Was unterscheidet die Münchner Projekte von Ihren anderen? Gibt es einen speziellen spirit?

Wenn man von der Innenstadt kommt … die Maximilianstraße, Friedrich von Gärtners Universitätsbauten an der Ludwigstraße, die Leopoldstraße mit dem Siegestor und der Kunstakademie haben mich immer schon beeindruckt. Prinzipiell gehen wir bei unseren Projekten so vor, dass wir auf den Ort eingehen, von ihm her entwerfen und seine Geschichte in die Zukunft transformieren. Für das Schwabinger Tor ist der Ensemblegedanke zentral, wie er bereits im Städtebau angelegt ist, den 03 Architekten entworfen haben. Den Ensemblegedanken finde ich gerade in Bezug auf neue Stadtquartiere sehr wichtig –in der Vergangenheit sind viele Fehler gemacht worden. Wir haben in Zürich mit dem Hochhausensemble Hagenholzstraße vor 15 Jahren etwas Ähnliches geschaffen, ein Ensemble mit Plätzen in der Tradition des Rockefeller Center. Das Schwabinger Tor wird auch gut angenommen – ein halbes Jahr nach Fertigstellung ist hier schon viel städtisches Leben.

Mein Ziel als Architekt ist es, die historische Stadt weiterzubauen und dabei ein Stück weit neu zu definieren. Das ist das Interessante am Schwabinger Tor. Der Städtebau lebt von guten Details und der baulichen Qualität. Dafür müssen wir als Architekten überall kämpfen – es macht keinen Unterschied, ob wir in der Schweiz, in Brüssel, in Antwerpen, in Moskau oder in München bauen.

Worauf haben Sie beim Schwabinger Tor speziell reagiert?

Wir haben versucht, einerseits die ruhige Gliederung der Universitätsbauten an der Ludwigstraße und andererseits die Fassadenstruktur der benachbarten Häuser an der Leopoldstraße aufzunehmen und zeitlos-modern weiterzuführen. Wobei die Dimensionen über den Bebauungsplan vorgegeben waren. Es war nicht einfach, mit diesen Vorgaben ein elegantes Haus zu entwerfen. Dabei haben wir uns bei der Fassadengliederung an dem orientiert, was Louis Henry Sullivan Ende des 19. Jahrhunderts für die Chicago School als das „Prinzip der Säule“ bezeichnet hat: gegliederte Häuser zu entwerfen – mit Basis, Schaft und Kapitell.

Auch die Qualität der Zwischenräume und die Orientierung der Häuser zum öffentlichen Raum, zu den Plätzen und Gassen waren uns wichtig: Wie in einer historisch gewachsenen Stadt stehen unsere Häuser nicht alle in einer Flucht, sondern sind gestaffelt und springen vor und zurück. Das ist eigentlich ein Renaissancemotiv, trägt aber viel zur urbanen Qualität des Schwabinger Tors bei.

Außerdem versuchen wir immer, eine skulpturale Architektur mit reliefartigen Fassaden zu entwickeln. Dafür braucht es aber gute Bauherren: 40 Zentimeter tiefe Fensterlaibungen stärken die Aussagekraft der Fassade, aber die können Sie bei Spekulanten nicht durchsetzen.

„Mein Ziel als Architekt ist es, die historische Stadt weiterzubauen und dabei ein Stück weit neu zu definieren.“

Max Dudler, Berlin/München

Sie beschäftigen sich seit langem damit, Wohnen und Arbeiten wieder zu vermischen – warum hat es so lange gedauert, bis das Thema auch von der Politik ernst genommen wurde?

Darüber hat Dieter Hoffmann-Axthelm schon in den 1980er Jahren geschrieben. Viele Raum- und Stadtplaner haben sehr lange gebraucht, um sich von den Kategorien der funktional gegliederten Stadt der 1920er und 1930er Jahre zu lösen. Heute gibt es auf der rechtlichen Ebene erste Ansätze, den Zonierungsplanungen und der räumlichen Dezentralisierung der Nachkriegszeit entgegenzuwirken.

Die große Anzahl der Verordnungen, z. B. im Bereich Immissionsschutz, verhindern aber immer noch eine urbane Mischung.

Dabei ist es für den Menschen als soziales Wesen das Beste, wenn im Straßenraum und auf den Plätzen möglichst viele Funktionen wieder zusammengeführt werden – er braucht ein Gegenüber, ein Miteinander. Deswegen funktionieren Bibliotheken so gut, trotz der Digitalisierung. Im Städtebau bleibt es eine große Aufgabe. Es war ein langer Prozess, bis die Entscheider in der Politik das verstanden haben. Aber sie lernen dazu: Immerhin gibt es seit ein paar Jahren den Begriff der „urbanen Gebiete“ in der Baunutzungsverordnung.

Sie bezeichnen Ihre Arbeit als „konzeptionelle Architektur“ – was verstehen Sie darunter?

Konzeptionell bedeutet für mich vor allem, dass ein Haus nicht nach rein formalen Kriterien entsteht, sondern als Ganzes betrachtet wird: dass zum Beispiel die Funktion klar definiert ist, die Orientierung zum Außenraum, die Eingänge, die Qualität der Innenräume und die Materialisierung: All das zusammen ergibt ein Konzept, das auf den Prinzipien beruht, die Sie für Ihr Büro entwickelt haben müssen.

Um das zu realisieren, legen wir Wert darauf, auch die Inneneinrichtung unserer Gebäude möglichst weitgehend zu gestalten – idealerweise bis zur Möblierung. Das ist nicht einfach in einer Zeit, in der so viele mitreden, deswegen kann man das, was man als Architekt eigentlich vorhat, nur zusammen mit dem Bauherrn zu Ende führen. Mein Anspruch, gerade im Mietwohnungsbau, sind Wohnungen, in denen sich der Mieter sofort wohlfühlt und nach Möglichkeit nichts mehr ändern will. Wichtig sind mir dabei insbesondere das Entrée, die Orientierung, die Qualität der Raumabfolge und der Bezug zum Außenraum – ganz ähnlich wie in einer Stadt.

Ein Dokumentarfilm über Sie hatte den Titel „Reichtum der Askese“ – würden Sie den Film heute noch so benennen, und wie viel lässt sich davon im reichen, barocken München umsetzen?

Mein erstes Projekt war 1986 eine Cafébar, das „Schwarze Café“ in Frankfurt, und wenn Sie sich heutige Arbeiten von mir ansehen, können Sie die gleichen Werte erkennen – zurückhaltend, zeitlos, gute Materialien, hohe Raumqualität, einfache Orientierung. Oder nehmen Sie das „Sale e Tabacchi“ in Berlin: Das habe ich vor fast 25 Jahren gebaut und würde es heute genauso konzipieren. Insofern stimmt „Reichtum der Askese“ auch heute noch hundertprozentig.

Dabei hat Askese weniger mit Verzicht zu tun, eher damit, wie man das Wesentliche eines Projekts umsetzt. Dieter Rams hat das mit „weniger, aber besser“ umschrieben, Mies van der Rohe mit „Weniger ist mehr“. Insofern passt es auch wunderbar zu München.

Max Dudler

Max Dudler
Leopoldstraße 158
80804 München
www.maxdudler.de

Max Dudler gründete 1992 das Büro Max Dudler, das heute Niederlassungen in Berlin, Zürich, Frankfurt am Main und München hat. 2004 wurde Dudler als Professor an die Kunstakademie Düsseldorf berufen. Er lehrte ebenfalls an der Università IUAV di Venezia, der Alma Mater Studiorum Università Bologna, dem Politecnico di Milano, der Technischen Universität Dortmund sowie der Technischen Universität München. Seine Arbeit erhielt zahlreiche Auszeichnungen und schafft mit einfachen geometrischen Formen ein harmonisches Ganzes.

Projekte (Auswahl)

2018 Schultheiss Quartier, Berlin
2018 Hessisches Ministerium, Wiesbaden
2018 Bodanareal, Romanshorn (Schweiz)
2018 Backstagegebäude Waldbühne, Berlin
2017 Stadtbibliothek, Heidenheim

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