Das Gewicht der Geschichte
- Autorin: Rosa Grewe
- Fotos: Werner Huthmacher, Marchivum, Christian Dammert Photography
Bunker sind ein schwieriges Erbe: stadträumlich, architektonisch und technisch, aber auch historisch. Denn jede Maßnahme am Bunker wird als Haltung gegenüber seiner Geschichte wahrgenommen. Das Risiko für Architekten zu scheitern ist hoch. Dennoch wagt der Architekt Peter Schmucker von Schmucker und Partner den Umbau eines solchen im Mannheimer Norden. So wird aus einem ungeliebten Nazi-Hochbunker ein vielbeachtetes Stadtarchiv – das Marchivum, ein Ort der Erinnerung und Aufarbeitung.


Hinter der gläsernen Eingangstür wartet zunächst die Beklemmung: Man spürt das Gewicht des Kolosses im eigenen Körper, unter der niedrigen Decke stehend, hinter 1,5 Meter dicken, fensterlosen Betonwänden aus rau gebrochenen Oberflächen, die Kabel, Schalter und braunen Fliesen wie einst. Das Gebäude diente ehemals als Hochbunker in Mannheim, von den Nazis geplant, mit Zwangsarbeit errichtet und während des Kalten Kriegs instand gehalten für den Fall eines Atomkriegs. Er liegt versteckt hinter einer Brückenauffahrt, großen Bäumen und in der wenig privilegierten Mannheimer Neckarstadt West. Ein ungeliebtes Baudenkmal mit schwieriger Geschichte und ohne lohnende Nachnutzung. Letzteres wollte der Architekt Peter Schmucker nicht einfach hinnehmen: „Ich bin ganz in der Nähe aufgewachsen und hatte den Bunker immer im Blick.“

Im Schnitt sind die massiven Mauern des ehemaligen Bunkers deutlich erkennbar
Er wünschte sich einen Bunker, der als Kulturort den Stadtteil aufwertet. So entwickelte er mit seinem Team ein Nutzungs- und Umbaukonzept, ohne Auftrag und zunächst ohne Chance auf Realisierung. Was dann kam, war wohl Fügung: Ein Wasserschaden bedrohte das Mannheimer Stadtarchiv; die Sammlung benötigte einen neuen Standort. Gleichzeitig hatte Schmucker einen alten Getreidespeicher umgebaut und bewiesen, dass er den Umgang mit schwierigen Baudenkmälern beherrscht. Bauphysikalische Messungen überzeugten die Verantwortlichen, dass sich der Bunker mit seinem gleichmäßigen Raumklima auch für die Lagerung von empfindlichem Archivgut eignet.

Das Marchivum liegt direkt an der vielbefahrenen Ludwig-Jolly-Straße.
„Wir wollten der Masse, Enge und Dunkelheit des Bunkers etwas Leichtes, Weites und Lichtes entgegensetzen.“
Peter Schmucker, Schmucker und Partner, Mannheim

Die Umnutzung von Bauten mit ideologisch aufgeladener Vergangenheit ist risikoreich. Schmucker erklärt: „Einen nationalsozialistischen Bau fasst man als Architekt nicht gerne an, die Auseinandersetzung damit muss sehr differenziert erfolgen.“ Er erhält nicht nur die denkmalgeschützte Fassade, sondern auch die Beklemmung im Innern. Seine Eingriffe im Gebäude reduziert er auf das Notwendigste und hebt die neuen Bauteile deutlich vom Bestand ab: neue Lüftungs-, Licht- und Brandschutztechnik hinter abgehängten Deckensegeln, die Sanitärräume hinter rotem Glas, und dunkler Terrazzo, wo die Originalfliesen zerstört waren. Auch die überbreiten Fluchttreppen mit den originären Handläufen und Bodenbelägen tragen dazu bei, dass man sich in die Vergangenheit zurückversetzt fühlt: als hier bis zu 7.500 Menschen im Bombenhagel zusammenrückten – und wie viele von ihnen hier noch Jahre später, als die Stadt in Trümmern lag, ein Obdach fanden.

Die hohen Nutzungsanforderungen an einen Bunker täuschen, zumindest was die Statik betrifft: Die Zwischendecken sind auf das Gewicht von Menschen ausgelegt. Ein Papierarchiv erfordert eine wesentlich höhere Last pro Quadratmeter. Um Gewicht zu sparen, wurde der vorhandene Verbundestrich entfernt. Somit konnte man – knapp unter der Lastgrenze – die Vorgabe von 6 kN/m² für die Rollregale erfüllen. Die Regale stehen heute dicht an dicht und lassen sich auf Aluschienen und per Kurbel auseinanderfahren: 19 Kilometer Regalfläche, tausende Pappkartons, gefüllt mit historischen Unterlagen. Jedes Stück ist katalogisiert, nach Stichworten und Eckdaten, aber eben auch nach seinem Gewicht. Vor dem Einsortieren wird gewogen. Jedes Kilo zählt.

Die oberste Deckenplatte jedoch kann viele Tonnen tragen. Hier realisiert Schmucker eine zum rauen Betonkoloss konträre Architektur: einen leicht und licht wirkenden Stahlpavillon, umschlossen von einer gebäudehohen Doppelglasfassade. Um Alt und Neu miteinander zu verknüpfen, musste die oberste Betondecke im Gebäudekern aufgebrochen werden. Eine Herausforderung für die spektakuläre Baustelle, denn die Maschinen, Bagger und sogar ein Autokran mussten für dieses Vorhaben direkt auf dem Dach platziert werden. In den zwei neuen Obergeschossen liegen heute Veranstaltungssäle, Arbeitsplätze und der Leseraum des Bauaktenarchivs.
Alle neuen architektonischen Eingriffe folgen dem gleichen Prinzip: hochwertig, möglichst bündig, dezent und klarkantig.
Die bündigen, glatten Glas-, Holz- und Putzoberflächen stehen im Kontrast zu der groben Anmutung der Bestandsgeschosse darunter. Alle neuen architektonischen Eingriffe folgen dem gleichen Prinzip: hochwertig, möglichst bündig, dezent und klarkantig. Schmucker ergänzt: „Nach diesen Kriterien haben wir auch die Grohe-Armaturen, vor allem der Serie Essence, ausgesucht.“ Den größten Kontrast zu dem klaustrophobischen Bunker aber bilden das Licht und der Ausblick in den oberen Geschossen. Staunend blickt man über die Stadt bis auf den Pfälzer Wald, während unten die Autos tonlos vorbeirasen. Und nachts, wenn sich die Konturen des Bunkers dunkel abzeichnen, schwebt der Pavillon als Lichtkrone über der Stadt.
Architekten
Schmucker und Partner Planungsgesellschaft mbH
Rheinvorlandstraße 7
68159 Mannheim
www.schmucker-partner.de
Die Planungsleistungen des Architekturbüros Schmucker und Partner reichen von Kulturbauten über Forschungs- und Lehrgebäude, Büro- und Verwaltungsgebäude bis hin zu Kliniken und Kongresszentren. Eine Expertise des Büros liegt im Bereich von Umbauten und Revitalisierungen historischer Gebäude. Das Büro besteht bereits über mehrere Generationen, es wurde 1932 von Wilhelm Schmucker in Mannheim gegründet. Seit 2018 wird das Büro gemeinsam von Andreas und Peter Schmucker sowie Matthias Schönfeld und Ingo Hayer geleitet.
Projekte (Auswahl)
2018 Wohnquartier Rheinufer Süd, Ludwigshafen
2015 Haus Feudenheim, Mannheim
2013 Speicher7, Mannheim
2012 Stadthalle, Kirchheimbolanden
2010 Ethianum Privatklinik, Heidelberg
Produktinformationen

Auf das Wesentliche reduziert: die GROHE Essence Armatur im minimalistischen Design – hochwertige Technik für ein Maximum an Langlebigkeit und Bedienkomfort.